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Begegnungen

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Die Begegnungen

Die Begegnungen

Wenn wir wieder hier in der schützenden Geborgenheit unserer Wohnung in der Schweiz sitzen, umgeben von einem fast schon selbstverständlichen Komfort, dringen aus dem Radio vertraute Klänge aus aller Welt an unsere Ohren. Die gut artikulierten Kommentare dazwischen beschäftigen sich jedoch fast ausschliesslich mit regionalen Problemen, mit denen wir uns anscheinend tagtäglich auseinandersetzen müssen. Seien es hitzige politische Stellungnahmen, endlose Staumeldungen aus dem Feierabendverkehr oder gar ein Brand, der in nächster Nähe eine alte Scheune niederbrennen liess. All diese Probleme, Sorgen und Negativmeldungen werden uns durch die Medien regelrecht eingehämmert. Sie prägen unsere Stimmung und belasten unser Verhalten im Alltag nachweislich.

Die eigentliche Sichtweise, dass wir ein absolutes Riesenglück haben, genau hier leben zu dürfen, wird somit unmerklich in eine bedrückende Denkweise verwandelt. Es entsteht das trügerische Gefühl, dass bei uns so vieles im Argen liegt und dass wir es eigentlich noch viel besser haben könnten – wenn uns nur Fremde, das System oder Verbrecher nicht ständig etwas von unserem hart erarbeiteten Wohlstand wegnehmen wollten. Wir ärgern uns darüber, dass wir keine besseren Strassen haben, die Staus vermeiden würden, oder dass die unberechenbare Weltpolitik die Spritpreise in die Höhe schnellen lässt und wir als kleine Bürger dafür bluten müssen, während andere den grossen Profit einstreichen. Genau mit diesem fehlerhaften Denkmuster wurden wir erzogen. Dieses ständige Streben nach mehr und die Angst vor dem Verlust begleiten uns in unseren täglichen Entscheidungen und prägen die Sicht auf unser Leben von morgen und übermorgen. Das Leben, das uns jetzt im gegenwärtigen Moment begleitet, wird pausenlos in eine unsichere Zukunft gerichtet. Es fällt uns unendlich schwer, uns gedanklich in der Gegenwart aufzuhalten, die wir gerade im Jetzt erleben. Wir begegnen unseren Mitmenschen, aber in Gedanken sind wir schon beim nächsten Termin, weil wir glauben, wir müssen uns unablässig an dem Morgen orientieren, da unser Terminkalender doch so erbarmungslos voll ist.

Doch da gibt es diese gross angelegten Untersuchungen, die das Glücklichsein einzelner Länder statistisch auflisten. Globale Studien wie der World Happiness Report zeigen seit Jahren unermüdlich, dass Länder wie die Schweiz oder Dänemark ganz vorne an der Spitze stehen. Gemessen wird dabei schlichtweg, was messbar ist: Pro-Kopf-Einkommen, soziale Sicherheit, ein funktionierendes Gesundheitssystem, politische Stabilität. Und ja, in all diesen objektiven Kriterien sind wir zweifellos privilegiert. Ohne jeden Zweifel. Und trotzdem lässt uns ein diffuses Gefühl der Leere nicht los. Warum fühle ich dieses messbare Glück hier im Alltag nicht so intensiv? Warum geben mir die flüchtigen Begegnungen hier in der Heimat nicht dasselbe tiefe Gefühl wie die Begegnungen auf unseren Reisen in die Ferne?

Unsere Gedanken schweifen weit ab und wir erinnern uns an Mohamed. Das Bild dieses Jungen in Sierra Leone taucht vor unserem inneren Auge auf. Ein Junge, der vor zwei Jahren voller Stolz seinen eigenen Namen schreiben konnte und der über ein paar intensiv erlebte Tage hinweg mit Christine im Schatten gesessen und die Hausaufgaben für die Schule gemacht hat. Beide sprachen eigentlich eine völlig andere Sprache, sie stammten aus komplett unterschiedlichen Welten, aber sie verstanden sich auf einer tieferen, rein menschlichen Ebene gleichwohl. Dieses unbeschreibliche Gefühl von damals, Christine und dem kleinen Jungen Mohamed einfach nur zuzuhören und sie zu beobachten, berührte mich so sehr. Es ging mir so nah, dass ich über diese Begegnung nicht nur schreiben musste, sondern es regelrecht als meine innere Pflicht empfand, diesen Jungen bei unserer nächsten Reise wieder zu besuchen, um zu schauen, was aus ihm in den vergangenen anderthalb Jahren geworden ist.

Dieser Junge, der in einem Land das Licht der Welt erblickte, das im World Happiness Report sehr weit unten gelistet wird. Ein Land, das von der Geschichte gezeichnet ist. Sierra Leone belegt im World Happiness Report (aktuell) Rang 2026 den 146. Platz von 147 Ländern - mit einem erschütternden Score von ca. 3.25 von 10. Nur Afghanistan liegt in dieser Statistik noch darunter. Das heisst brutal und nüchtern gesagt: Laut den klugen Köpfen der Statistik gehört Sierra Leone zu den „unglücklichsten“ Ländern unserer Erde.

Wie sollen wir diese Zahlen nun einordnen? Ich hatte dort, vor anderthalb Jahren, ein Gefühl von reinem, purem Glück empfunden, als Christine mit Mohamed diese simplen Hausaufgaben gemacht hat. Er sass da, der kleine Schuljunge in seiner einfachen Kleidung, der das kleine 'e' auf dem Papier immer wieder voller Überzeugung falsch herum geschrieben hat. Und Christine hat ihm mit unendlicher Geduld und Zuneigung – vielleicht auch unter dem charmanten Einsatz des Druckmittels von ein paar süssen Bonbons – beigebracht, wie er seinen Namen richtig schreiben muss. Der Stift kratzte übers Papier, beide lachten. Diese echten Momente des Seins, des völligen Aufgehens im Jetzt, sind wahrscheinlich so tief in meinem Herzen verwurzelt, weil uns dieser kleine Junge aus Westafrika gezeigt hat, dass wir im Jetzt leben müssen und nicht ständig voller Sorge an das ungeschriebene Morgen denken sollen. Denn wenn wir den globalen Glücksreport als einzigen Massstab für das Leben zu Hilfe nehmen würden, wären wir gezwungen, nur noch bitterlich zu weinen, weil dieser wunderbare Junge im zweitunglücklichsten Land der Welt aufwachsen muss.

Und dann, vor etwa sechs Monaten, haben wir diesen Jungen tatsächlich wieder besucht. Wir waren voller Vorfreude und wollten unbedingt wissen, was aus seinem Lernen, aus seinen Fortschritten in der Schule geworden ist. Wir kamen wieder an dem wunderschönen, naturbelassenen Eco Beach an – dieser Strand mit seinem weichen Sand und dem Rauschen der Wellen, der in unseren Herzen so eng und unauslöschlich mit dem Jungen verbunden ist. Und ja, das Warten wurde belohnt: Der Junge ist gekommen. Er hat uns wieder mit seinen grossen, dunklen, ausdrucksstarken Augen angeschaut. Doch dieses Mal sahen wir darin eine Träne glänzen. Diese einsame Träne konnten wir in diesem Moment nicht so richtig einordnen. War es eine Träne der puren Freude über das Wiedersehen, oder wollte er uns mit seinem stillen Blick etwas anderes, etwas Schwerwiegendes sagen?

Und wie unsere westliche, zielorientierte Denkweise nun einmal so ist, wollten wir natürlich gleich voller Tatendrang erfahren, was er in den anderthalb Jahren in der Schule alles gelernt hatte. Wir waren gespannt, ob er nun noch flüssiger und besser schreiben konnte als beim letzten Mal. Neue Malstifte, einen unberührten Papierblock und einen richtigen Fussball hatten wir ihm als Geschenke mitgebracht. Er hat die Geschenke höflich und dankbar angenommen, aber irgendetwas an seiner Körperhaltung und seiner Aura war anders, gedämpfter als beim letzten Mal. Voller Erwartung haben wir ihn dann gebeten, doch seinen Namen mit den neuen, bunten Stiften auf das frische Papier zu schreiben, damit alle um ihn herum wissen, dass dieser schöne Block von nun an Mohamed gehört.

Er setzte sich schweigend hin, nahm den Stift in die Hand und versuchte nach seinem besten Können, seinen Namen auf das leere Blatt zu schreiben. Es traf mich in diesem Bruchteil einer Sekunde wie ein gewaltiger Blitz! Was war da passiert? Der Stift zitterte in seiner Hand, die Linien ergaben keinen Sinn. Er konnte überhaupt nicht mehr schreiben. Man kann diesen emotionalen Blitz, der uns in jenem Moment mitten ins Herz traf, kaum in passende Worte fassen. Was war nur geschehen in all der Zeit?

Wir erfuhren die traurige Realität: Nach unserer damaligen Abreise konnte der Junge schon bald nicht mehr zur Schule gehen, weil schlichtweg das Geld für die Schulgebühren und Materialien fehlte. Sein Onkel, der nach dem Tod von Mohameds Eltern für ihn sorgte und selbst eine eigene, hungrige Familie zu ernähren hat, musste in einem harten Überlebenskampf zuerst schauen, dass alle irgendwie über die Runden kommen. Dass er damit dem kleinen Jungen die wertvolle Chance nahm, weiterhin lesen und schreiben zu lernen und sich eine Zukunft aufzubauen, ist ganz sicher nicht seine Schuld. Wenn das elementare Geld für das Überleben fehlt, wird zuerst der drängende Hunger im Magen gestillt, nicht die Bildung finanziert. Das ist das unerbittliche Gesetz der Armut. Eigentlich müssen wir dem Onkel sogar zutiefst danken, dass er unter diesen widrigen Umständen so gut wie nur irgendwie möglich für den Jungen schaut, damit dieser wenigstens geborgen in einer familiären Gemeinschaft aufwachsen kann und nicht völlig alleine ist, da er seine leiblichen Eltern viel zu früh verloren hat.

Eigentlich kennen wir diesen Jungen ja kaum. Wir sind nur Reisende, die seinen Weg kurz gekreuzt haben. Eigentlich könnte es uns in unserem komfortablen Leben in Europa nichts ausmachen, dass er nicht mehr zur Schule geht, denn solche traurigen Schicksale und geplatzten Träume gibt es in Sierra Leone und auf der ganzen Welt leider mehr als genug. Doch warum war es gerade dieser eine Junge, der uns etwas zeigte, das wir hier in der sicheren, perfekten Schweiz kaum noch erfahren dürfen? Seine ruhige Art, seine bescheidenen Gesten und sein blosses Dasein erfüllten nicht nur die Umgebung des Strandes. Sie füllten unser Herz mit einer tiefen, ehrlichen Wärme. Er gab uns etwas zurück, das nicht in rationale Worte zu fassen ist. Er war einfach da! Er war voll und ganz im Jetzt, ohne Vorbehalte präsent in diesem einen, wertvollen Moment. Und vielleicht kamen bei uns beiden genau deshalb in diesem Moment am Strand die Tränen, als wir die bittere Wahrheit erfuhren, dass er nicht mehr zur Schule gehen konnte.

Unsere Welt hier, wo ich gerade sitze, die warme Sonne, die friedlich auf unsere aufgeräumte Terrasse scheint, der beruhigende Geruch des frisch gebrühten Kaffees, der noch im Raum liegt, und die sanfte, unaufdringliche Musik, die das Radio leise abspielt – all diese perfekten Umstände bringen mich gedanklich sofort wieder zurück in die staubige, lebendige Welt von Mohamed. Zurück in die Vergangenheit der unzähligen, bereichernden Begegnungen, die wir auf unseren Reisen so oft erleben durften. Begegnungen – eigentlich könnten diese ja nur oberflächlich sein, flüchtige Momente zwischen Touristen und Einheimischen. Sie könnten verblassen und verschwinden, wie sie gekommen sind. Sie könnten einfach nur eine weitere exotische Geschichte für einen Abend mit Freunden füllen, aber nicht nachhaltig das Herz berühren.

Aber diese spezifischen Begegnungen sind einfach noch da, sie sind greifbar und absolut gegenwärtig! Sie haben uns in ihrer fremden Welt auf eine sanfte Art gefangen genommen. Sie haben uns in so verblüffend kurzer Zeit etwas Grundlegendes mitgegeben, das einfach nicht mehr aus unserem Bewusstsein verschwinden will. Vielleicht haben sie in unseren Seelen auch eine unsichtbare Narbe hinterlassen, die wir immer wieder spüren und sehen, wenn wir zur Ruhe kommen. Nur ist es eine Narbe, die ich nicht mit Schmerz, sondern mit grossem Stolz und tiefer Ehrfurcht tragen kann, auch wenn ich anderen kaum verständlich beschreiben kann, was genau dort in Afrika mit uns passiert ist. Es ist einfach da, dieses Gefühl.

Die Wehmut nach einem Leben im echten Jetzt und die Sehnsucht danach, den Moment voll und ganz aufzunehmen, haben uns verändert. Wir durften verstehen, dass es auch eine völlig andere Art des Überlebens und des Daseins gibt, als immer nur sorgenvoll an das Morgen zu denken und sich von der irrationalen Angst treiben zu lassen, dass das Morgen vielleicht noch schlechter sein könnte als das Heute. Diese Begegnungen zeigten uns eindrücklich – auch wenn das Land dieser Menschen im globalen, sterilen Glücksranking auf dem erschütternden zweitletzten Platz liegt –, dass ihre Art zu leben vielleicht die viel wahrhaftigere Art ist, das Glück zu messen. Diese Menschen, die so wenig besitzen, und die tiefen Begegnungen mit ihnen haben uns gezeigt, dass durch pure Zwischenmenschlichkeit ein ganz anderes, viel echteres Glücksgefühl entstehen kann. Ein reines Glücksgefühl, das uns, so hoffe ich von ganzem Herzen, noch lange durchs weitere Leben begleiten wird. Wir möchten dieses Gefühl jedenfalls ganz tief in uns konservieren, es beschützen und als inneren Kompass stets bei uns tragen. Hoffentlich gelingt uns das, auch wenn das Radio im Hintergrund schon wieder die nächsten Sorgen unserer Welt verkündet!

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