Herr „Guten Morgen“ und die Odyssee von Luanda
Bis vor Namibia haben wir 18 Länder auf unserer Reise entlang der afrikanischen Westküste durchquert. Das bedeutete auch: doppelt so viele Grenzen mit all ihren Eigenarten. Wer glaubt, nach so vielen Kilometern würde es bei der Einreise nach Namibia einfacher werden, wird eines Besseren belehrt. Besonders das Reisen mit einem Hund ist im südlichen Afrika eine echte Herausforderung, die an den Grenzen für massive Schwierigkeiten sorgt.
Wir wussten eigentlich, was zu tun ist. Schon drei Wochen vorher beantragten wir per Internet ein Importpermit für Namibia. Die Antwort kam schnell: Wir sollten ein Formular ausfüllen und umgerechnet etwa 50 SFr. bezahlen. Da wir alles richtig machen wollten, zahlten wir sofort, füllten die Formulare aus und sendeten alle Unterlagen unserer Hündin Adia mit. In der festen Hoffnung, das Permit bald im Postfach zu haben, fuhren wir in Angola immer weiter Richtung Süden. Doch das Permit kam nicht.
Wir mussten einen Plan B schmieden. Andere Reisende erzählten uns, dass sie nie ein Vorab-Permit hatten, sondern sich in Angola ein spezielles Dokument ausstellen liessen. Also machten wir uns in Luanda ans Werk. Über Freunde hörten wir von einem Veterinär beim staatlichen Veterinäramt, der das organisieren könne und angeblich sogar Deutsch spricht. Alles schien perfekt – bis wir erfuhren, dass der Herr gerade in Wien war. Er versprach jedoch, am Dienstag zurück zu sein.
Das Wochenende verbrachten wir an den grossen Wasserfällen und in der Steinwüste Angolas. Hier lernten wir: Internet in Angola ist Glückssache. Nur in grösseren Orten gibt es 4G, meistens muss man sich mit 2G oder 3G begnügen. Telefonieren über WhatsApp kann man vergessen. So erreichten uns die Nachrichten des Veterinärs immer nur zeitverzögert. Wir vertrauten darauf, dass er unsere deutschen Unterlagen lesen konnte. Dann kam die verhängnisvolle Frage nach dem Geschlecht. Da ich gerade am Steuer sass, tippte Christine die Antwort. Weil er zuvor nach meinem Namen gefragt hatte, dachte sie, die Frage beziehe sich auf mich, und schrieb: „männlich“. Er meinte aber Adia. Um das Chaos zu retten, schrieb ich ihm später: „Guten Morgen, Name: Beat, Nachname: Grossenbacher...“ Er leitete diese Nachricht wohl einfach blind an die Stelle weiter, die das Dokument ausstellen sollte.
Am Mittwoch, dem Tag der Abholung, standen wir um 13:00 Uhr vor dem Amt. Niemand kam. Um 13:30 Uhr dann die Nachricht: Der Veterinär sei gestürzt und liege nun im Spital. Seine Sekretärin solle uns helfen, doch die war bis 14:00 Uhr im Fitness. Wir warteten und warteten, bis plötzlich die Meldung kam, sein Handyguthaben sei leer. Er schickte uns nur noch die Adresse eines Amtes, wo wir das Permit selbstständig abholen sollten. Diese Stelle lag jedoch völlig abseits, weit entfernt von der Zentrale des Forst- und Veterinärministeriums.
Tatsächlich lag das Dokument dort für uns bereit. Als wir es bezahlen wollten, hiess es jedoch, es sei schon bezahlt. Damit stand für uns fest: Wir standen in der Pflicht, dem Veterinär das Geld persönlich zu überbringen. Auch mit dem Hintergedanken, dass künftige Overländer sicher ebenfalls auf seine Dienste angewiesen sein würden, kam für uns nur eine Option in Frage: Wir mussten unser Versprechen einlösen und ihn im Spital abholen.
Dass die Fahrt ins Spital zwei Stunden durch engste Gassen und Slums auf löchrigen Pisten führen würde, ahnten wir nicht. Mit unserem Camper „Trudi“ kämpften wir uns durch enge, mit Löchern übersäte Schlammpisten, bis wir den riesigen Spital-Koloss fanden. Und nun – wie sollten wir den Veterinär hier finden? Wir hatten ihn ja noch nie gesehen. Nur ein schlechtes Foto, das er uns zugesandt hatte und auf dem er im Rollstuhl bereits mit Gips sass, hatten wir zum Glück dabei. Ohne Portugiesisch irrten wir im Eingangsbereich umher. Ein Sicherheitsbeamter beobachtete mich wohl schon eine gewisse Zeit mit dem Gedanken, was dieser fremdländische Kerl hier wohl verloren hat. Aber dies war auf eine Weise auch wieder mein Glück, da er mich dadurch auf Portugiesisch ansprach. Jeder, der die Sprache nicht beherrscht, versucht es mit Händen und Füssen und mit dem Foto in der Hand, um zu erklären, warum wir hier sind.
Für den Sicherheitsbeamten war klar: Hier muss jemand gefunden werden, der wenigstens Englisch spricht. Und so kam es, dass er einen jungen, englischsprechenden Arzt fand, der gewillt war, uns zu helfen, den Veterinär im Wirrwarr des Spitals zu finden. Die Suche führte uns durch Säle voller Leid. Bitte verzeiht mir, dass ich die Bilder, die ich zu sehen bekam, nicht näher vor euren Leseaugen ausbreite. Eines möchte ich dazu sagen: Dies ist ein Ort, an dem man als Schweizer niemals selbst landen möchte. In jeder Abteilung wurde das Foto gezeigt mit der Frage, ob jemand diese Person kenne. „Nein, Nein, Nein“ war dreiviertelstundenlang die Antwort, bis wir doch endlich jemanden fanden, der glaubte, ihn gesehen zu haben – und dass er jetzt wohl am Eingang sei.
Dort hatte er auf seine Frau gewartet, weil er wohl nicht daran glaubte, dass wir wirklich auftauchen würden. Seine Frau war schon da und versuchte mit dem Sohn, ihren Mann aus dem Rollstuhl ins Auto zu hieven. Ein Mann, der einen Gips bis fast zum Gelenk des Oberschenkels hatte! Für zwei Menschen war es kaum möglich, sein Bein zu halten und ihn gleichzeitig quer ins Auto zu schieben. Sicher war es für ihn ein Glück, dass wir auftauchten, damit auch ich mithelfen konnte, ihn quer anzuheben und seitwärts auf die Hinterbank zu legen. Mit vereinten Kräften gelang uns dieses Vorhaben nach einer gewissen Zeit und mit vielen Schweissperlen.
Nach einem kurzen Palaver, auch mit der Frau, und einer Einladung, sie doch besuchen zu kommen, bezahlten wir ihm das Dokument und gaben ihm ein grosszügiges Schmerzensgeld für sein Leiden. Einen Besuch bei ihm zu Hause haben wir danach mit unserer Überzeugungskraft dankend abgelehnt, um sie nicht vor den Kopf zu stossen – was bei einer solchen Einladung in Afrika wohl auch so aufgefasst werden könnte.
Endlich, dachten wir, endlich war diese fünfstündige Odyssee zu Ende. Dann der Schock, als wir auf das ausgestellte Formular schauten! Adia war nun offiziell männlich. Aber das Beste: Der Name des Halters lautete „Guten Morgen“. Die Beamten hatten einfach meine Begrüssung aus der WhatsApp-Nachricht als Namen übernommen! Das Dokument war völlig wertlos. Dreimal tief durchatmen.
Zum Glück hatten wir von anderen Reisenden noch eine andere Adresse bekommen, die für uns das Formular ausstellen würde. Und so ging es weiter Richtung Süden mit dem Wunsch, dass wir bei der anderen Adresse wohl mehr Glück haben werden. Und so war es auch: Nach vier Tagen konnten wir endlich das ersehnte Formular in den Händen halten, das uns die Türe am Zoll öffnen sollte.
Wie es am Zoll weiterging, möchte ich euch in einer weiteren Geschichte erzählen, die einem die Haare zum Raufen bringt.