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Zinsfalle

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Afrika – der unterschätzte Kontinent, den wir gerade durchqueren

Ein Reisebericht von der Westküste

Afrika ist wohl der Kontinent, der in unserem europäischen Bekanntenkreis am wenigsten besucht wird. Und wenn, dann meist nur im südlichen Afrika – für Safaris, Wüsten und Postkartenlandschaften. Für die meisten bleibt Afrika ein Buch mit sieben Siegeln. Wahrgenommen wird es oft erst dann, wenn ein Mensch mit dunkler Hautfarbe als Flüchtling in Europa auftaucht. Schnell heißt es dann: ein Wirtschaftsflüchtling. Und man tröstet sich damit, dass „wir ja genug Entwicklungshilfe zahlen“.

Doch darüber möchten wir hier gar nicht schreiben.

Wir möchten über einen Kontinent im Aufbruch berichten. Seit Monaten fahren wir jetzt mit unserem Fahrzeug die Westküste entlang. Wir sind durch den Sand von Mauretanien gepflügt, habe die grünen Hügel von Guinea und Sierra Leone gesehen, die lebendigen Märkte in Liberia und der Elfenbeinküste erlebt. In Nigeria standen wir vor den Ballungszentren in Staus, die so gewaltig waren, dass wir kaum schneller als mit 5 km/h vorangekommen ist. Wir haben die Pisten in Kamerun bezwungen und sind jetzt durch den Kongo Richtung Angola unterwegs.

Und wir können sagen: Das gängige Bild von Afrika ist nicht einfach nur falsch – es ist gefährlich unvollständig. Afrika ist kein gescheiterter Kontinent.

Der Schock in der Bank

Eines ist uns besonders aufgefallen, wenn wir in den Banken gewartet haben, um Geld zu wechseln: Die Zinssätze an den Tafeln. Uns fielen fast die Augen aus dem Kopf. In Europa kennen wir Zinsen von maximal 3 % für Unternehmenskredite. Aber hier stehen oft fast 20 % für ein Start-up an der Tafel! Wir haben uns oft gefragt: Wie soll ein Unternehmer das jemals erwirtschaften? Diese Gedanken haben uns dazu bewegt, darüber nachzudenken, warum die Zinsen so hoch sind und was dies für die Entwicklung bedeutet.

Das Paradoxon: Die Zins-Falle

Trotz all der Energie stößt man so auf ein krasses Paradox: Afrikanische Staaten zahlen die höchsten Zinsen der Welt.

Nigeria zahlt für Staatsanleihen oft über 15 Prozent.

Senegal, Kamerun oder Benin zahlen 7 bis 10 Prozent.

Zum Vergleich: Deutschland zahlt etwa 3 Prozent.

Das liegt an einem globalen Geldsystem, das außerhalb Afrikas entschieden wird. Die meisten Länder verschulden sich in Dollar oder Euro, verdienen ihr Geld aber in Naira, CFA-Franc oder Kwacha. Verliert die Währung an Wert, werden die Schulden automatisch teurer – selbst wenn die Wirtschaft wächst.

Besonders deutlich ist das beim CFA-Franc. Vierzehn Staaten haben eine Währung, die fest an den Euro gekoppelt ist. Das wirkt stabil, ist aber in Wahrheit eine finanzielle Abhängigkeit, die wie ein Teufelskreis wirkt: Hohe Zinsen bremsen Investitionen, wenig Investitionen bremsen die Industrie, und ohne Industrie bleibt man abhängig von Rohstoffen – was wiederum die hohen Zinsen rechtfertigt.

Wer bestimmt das Straßenbild? China und die BRICS

Wer bestimmt das Straßenbild? China und die BRICS

Während wir in Europa noch in Denkstrukturen der Kolonialzeit feststecken, handelt China. Das sehen wir am deutlichsten an den Autos: Vor 40 Jahren waren es fast ausschließlich europäische Fabrikate. Heute beherrschen chinesische Marken das Straßenbild. Europäische Lastwagen sind fast gänzlich verschwunden. (Eine Ausnahme ist der Kongo, wo noch zu über 90 % Toyotas fahren).

China zeigt uns gerade, wie man es macht: Sie sehen Afrika nicht als Bittsteller, sondern als strategischen Partner und Produktionsstandort. Aber China ist nicht allein: Die BRICS-Staaten bieten Afrika zunehmend Alternativen zum westlichen Finanzsystem. Sie arbeiten an eigenen Zahlungswegen und Krediten, die nicht an die harten Bedingungen von Dollar und Euro geknüpft sind. Afrika hat heute eine Wahl – und es orientiert sich dorthin, wo es auf Augenhöhe behandelt wird und echte Investitionen fließen.

Ein Kontinent, der sich neu erfindet

Wer hier reist, sieht eine Dynamik, die in unseren Medien kaum vorkommt. Überall entstehen Werkstätten, kleine Fabriken, Start-ups, Straßenbauprojekte und neue Häfen. Die Menschen handeln, bauen, reparieren und organisieren sich selbst. In Städten wie Dakar, Abidjan, Accra, Lomé oder Douala wächst eine junge, urbane Mittelschicht heran. Smartphones sind allgegenwärtig, bezahlt wird per App. Afrika besitzt genau das, was der Welt fehlt: Rohstoffe, Sonne, Platz – und vor allem junge, hungrige Menschen.

Die Sache mit dem Müll: Ein europäisches Vorurteil

Wenn wir durch die Ballungszentren fahren, sehen wir an den Rändern oft extrem viel Müll. Wir in Europa glauben dann oft, dass eine Stadt, die im Müll versinkt, sich ja gar nicht entwickeln kann. Aber das ist ein Trugschluss. Dieser Müll ist meistens von unseren exportierten Waren. Die Strukturen hier sind nicht für diesen Plastikmüll ausgelegt, den wir massenhaft liefern. Auch hier zeigt sich deutlich: Wir wollen exportieren, aber der Rest ist uns egal. Eine Änderung kann es nur geben, wenn die Firmen endlich finanziell verpflichtet werden, für die Abfallberge mitverantwortlich zu sein. Man kann nicht nur die Gewinne einstreichen und den Dreck hier abladen.

Nachholbedarf als Chance für Europa

Wir übersehen dabei völlig: Der riesige Nachholbedarf in Afrika ist eine gewaltige Chance für uns in Europa. Während unsere eigenen Märkte gesättigt sind, entsteht hier ein Konsummarkt von hunderten Millionen Menschen.

Wäre nicht eine andere Denkweise nötig, um unsere eigene Wirtschaft zu erhalten? Wir müssten investieren, so wie China und die BRICS-Staaten es tun – als echte Partner in Fabriken und Produktion vor Ort. Das würde uns Märkte sichern und gleichzeitig Perspektiven schaffen. Ein faireres globales Finanzsystem wäre also kein Geschenk an Afrika, sondern unsere eigene Überlebensstrategie.

Wenn wir nicht lernen, Afrika auf Augenhöhe zu begegnen, droht uns eine bittere Ironie der Geschichte: Dass wir am Ende verlieren – nicht weil wir zu viel gegeben haben, sondern weil uns die Weitsicht fehlte, so entschlossen zu handeln wie die neue Konkurrenz.

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